Vertraue nie einem Kulleraugenbot

In der Hamburgischen Staatsoper stand am Samstag in der Oper "Stilles Meer" auch ein Roboter auf der Bühne. Ein schlagendes Argument für mich mal nach Hamburg zu fahren und nachzuschauen, wie andere Theater Roboter in Szene setzen.

Roboter im Theater liegen voll im Trend. Dieser japanische Roboter spielt im Chor von "Stilles Meer" an der Hamburgischen Staatsoper mit.
Foto: Arno Declair

Kleiner Disclaimer: Ich werde in meiner Besprechung der Oper von Toshio Hosokawa ganz sicher nicht gerecht werden. Bei Opern geht es natürlich um Musik - und die hat mir auch sehr gut gefallen -, aber beim RoboTheater geht es um Roboter und um die geht es jetzt auch in diesem Blogeintrag, der diesmal ziemlich politisch geraten ist.

Post-Fukushima Drama

"Stilles Meer" ist ein Post-Fukushima Drama inszeniert vom japanischen Regisseurs Oriza Hirata, in dem den Folgen der Tsunami- und Reaktorkatastrophe auf den Grund gegangen wird. Die deutsche Ex-Tänzerin Claudia hat bei der Tragödie ihren Sohn aus erster Ehe, Max, und ihren japanischen Mann verloren. Es ist insbesondere der Verlust von Max den Claudia nicht verwinden kann und der sie davon abhält ein normales Leben zu führen. Ihr Ex-Mann Stephan, Max' Vater, kommt nach Japan, um Claudia zu überzeugen, Max' Tod endlich zu akzeptieren, nicht länger auf den seit Jahren toten Sohn zu warten und nach Deutschland zurückzukehren. Doch Claudia kann sich Max' Tod nicht eingestehen und kein neues Leben beginnen.

Roboter in "Stilles Meer"

"Stilles Meer" wartet mit einem humanoiden Roboter auf, der im Chor auftritt und seinen

menschlichen Co-Akteuren im verstrahlten Fukushima verkündet, sie befänden sich in der "sicheren Zone". Wir er das macht und wie das Ganze auf japanisch klingt, erfahrt ihr im Video.


Alltägliche Roboter

Ganz selbstverständlich spielt der kleine Roboter an der Seite menschlicher Opernsänger seine Rolle in Oriza Hiratas Post-Fukushima Inszenierung. Roboter scheinen für die Menschen in "Stilles Meer" längst zum Alltag zu gehören und erfahren keine spezielle Beachtung. Roboter sind hier bereits "arrivierte Gesellschaftsmitglieder", die sich auf einer Ebene mit der einfachen Bevölkerung, den Fischern, befinden.

Kulleraugen-Propaganda-Design

Für mich war es natürlich ein bisschen Schade, den Roboter ist diesem Post-Novitätsstadium auf der Bühne anzutreffen, denn das führte dazu, dass er von seinen menschlichen Mitspielern nicht als Besonderheit wahrgenommen wurde und seine Rolle entsprechend klein war. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich die Nebenrolle aber als äußert interessant.

Ich jedenfalls war mir nicht ganz sicher, ob ich dem kleinen Roboter abkaufe, dass es im verstrahlten Fukushima tatsächlich eine "sichere Zone" gibt. Oder werden wir technikgläubig und -abhängig, wie wir mittlerweile sind, Opfer geschickt in kulleräugige Roboter einprogrammierter Propaganda?

Das Design des Roboters aus "Stilles Meer" zielt ziemlich eindeutig auf einen uns Menschen eigenen Urinstinkte ab: das Kindchen Schema. Große runde, vermeintlich vertrauensvolle Kulleraugen, die scheinbar nicht lügen können, machen uns leicht Vergessen, das hinter der Audiokommunikation solcher Roboter immer noch Menschen mit ganz konkreten Absichten und Zielen stecken.

Sind wir bereit einer Kulleraugen-Maschine zu vertrauen, deren Design ganz eindeutig auf die Aktivierung unseres genetisch bedingten Kindchen Schema Mechanismus abzielt, eben genau damit wir sie als "unschuldig" und "rein" (nicht umsonst das Überwiegen der Farbe weiß) empfinden und ihr vertrauen? Es ist ein Dilemma, schließlich sind die wenigsten von uns in der Lage, eigenständig fundierte Aussagen  beispielsweise über die Strahlenbelastung eines Gebiets zu treffen. Wir müssen den Messungen durch Maschinen vertrauen. Hinter den messenden Geräten allerdings stehen Menschen und hinter diesen Menschen andere Menschen, die die Ergebnisse und ihre Verbreitung kontrollieren.

Babyface Roboter sind die besseren Lügner

Roboter wie der kleine Humanoid aus "Stilles Meer" können leicht zu Propagandisten werden. Sie haben wenig technische Funktion, sondern werden für das Zusammenleben und den direkten Kontakt mit Menschen entworfen. Sie sehen menschlich aus, um uns den Umgang mit diesen Maschinen zu erleichtern. Erfahren wir wichtige Informationen aus "ihrem Mund", dann sind es bestenfalls Informationen aus zweiter Hand. Also Informationen, die zuvor ein Mensch oder wahrscheinlich mehrere Menschen gefiltert und auf der Festplatte des Roboters abgelegt haben. Ein wenig Vorsicht und zumindest ein gesundes Hinterfragen, dessen, was man aus dem Audioausgang eines solchen Kulleraugen-Bots vernimmt ist daher ratsam: Warum verkündet uns ein Babyface Roboter die Ergebnisse aktueller Strahlenbelastungsmessungen? Warum erfahren wir die Resultate nicht direkt aus dem Mund der Person, die mit technischem Sachverstand die Messungen durchgeführt hat? Vielleicht weil Kulleraugenroboter ganz nach dem Motto "Können diese Augen lügen?" einfach die besseren Lügner sind?

Kritische Klänge in der Diskussion

Der Oper von Toshio Hosokawa folgte am Samstag Abend in der Hamburgischen Staatsoper eine Diskussion mit verschiedenen Vertretern Hamburger Universitäten. Nach einer Einführung durch "Stilles Meer" - Regisseur Oriza Hirata bezogen die Diskutanten eines kritischen Standpunkt, was die japanische Politik und insbesondere die Haltung zur Atomenergie nach der Katastrophe in Fukushima in Japan anbelangt.

Auch in der Diskussion ging es um "sichere Zonen", zu denen die japanische Regierung manche Gebiete in und um Fukushima herum erklärt hat. "Sichere Zone" bedeutet "kein Geld für einen Neustart in einem anderen Teil des Landes". Während den Bewohner von Gebieten, die nach dem Unglück als unsicher erklärt wurden, teilweise große Geldsummen gezahlt wurden, mit denen sie in anderen Landesteilen neue Häuser bauen konnten, sind die Bewohner der "sicheren Zonen" gezwungen zu bleiben. Der Roboter in der Oper ist mit seiner Erklärung, man befinde sich in der "sicheren Zone", demnach klar ein Popagandaverbreitender Regierungsvertreter.

 

Fazit: "Stilles Meer" ist eine gelungene Oper, die vor allem auch durch ihre politische Dimension fesselt.

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